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100KM von Biel/Bienne (CH)

17./18. Juni 2005

Die Läufer kamen aus einem Waldstück gelaufen und mit ihren Stirnlampen an Kopf, Arm oder in der Hand sahen sie aus wie die Zwerge, die von der Arbeit nach Hause kamen - hatten wir Fahrradbegleiter einen Spaß.

Julia in Warteposition am Ende des "Ho-Chi-Minh" Pfades.


Die Nacht der Nächte (O-Ton des Veranstalters) beginnt eigentlich mit dem Wartemodus am Nachmittag davor. Wir liegen bei herrlichstem Sonnenschein auf einem Fußballfeld (Rasen) unweit vom Eisstadion, wo Start- und Zielbogen stehen, sonnen uns, und es ist so gar keine typische "Vor dem Start"-Aufregung. Normalerweise beginnen Läufe immer morgens nach dem Aufstehen und dem Frühstück. Hier ticken die Uhren anders. Niemand aus der Wagenbesatzung (ausser Angela, die schonmal hier war) kann sich vorstellen, dass es gleich losgeht, schliesslich ist der Tag gleich rum...


Ankunft: Super Wetter.


Gepflegtes Ambiente.

Der 100km-Lauf von Biel (Schweiz) wird bereits zum 47. mal ausgetragen, gilt als Laufklassiker ("Einmal im Leben musst du nach Biel") und hat neben seiner Streckenlänge noch eine weitere Besonderheit: Der Start ist um 22:00 Uhr, d.h. es wird durch die Nacht gelaufen. Dafür treibt mein Trainingsplan schonmal seltsame Blüten: Um Müdigkeit und Länge zu simmulieren laufe ich Ende Mai sogar einmal eine 61km Trainingseinheit mitten in der Nacht von 21:00 bis 03:00 Uhr. Insgesamt 3 mal von Hohenlimburg aus zum Hengsteysee und zurück. Was da noch los ist an den Lennewiesen...

Genug gegammelt! In die Kleidung geschlüpft, Julias Rad fertig machen - sie will mich als "COACH" begleiten - und ab zum Start.


Die ganze Wagenladung vor dem Start: Angela, Julia, Jens, Karl, Thomas.


Trubel am Start, wie immer.


Angela und Tom.


Jens und Julia gegen 21:15 Uhr, kurz vorm Start.

Nach den obligatorischen "Vorher"-Fotos für die "Vorher/Nachher"-Serie, diversen Händeschütteleien mit den üblichen Verdächtigen, und Kostproben der Sponsoren-Getränke geht es daran die Radfahrer zu verabschieden. Sie fahren im Pulk und mit Polizei-Eskorte bereits um 21:40 Uhr Richtung Lyss, um mit uns Läufern bei KM 22,5 wieder zusammen zu treffen. Das hat schon so seinen Sinn, denn bis dahin wird das Läuferfeld weit genug auseinander gezogen sein um Rad/Läufer-Kollisionen zu vermeiden.

Im Starterfeld weiss ich gar nicht, wo ich mich einreihen soll, treffe noch Joachim (SwissAlpine und Röntgenlauf), Rainer, Edgar und viele mehr, entscheide mich für's Mittelfeld und bleibe bei Ryan, Thomas und Claudia hängen. Kanonendonner! Thomas aus Hemer, den wir im Bus mitgenommen haben, steht in der dritten Reihe und wird später erzählen, dass ihn der Knall fast taub gemacht hat. Ja so sind sie, die Eidgenossen. Es geht los!

Niemand weiss so recht, wo und wann die Matten zur Zeitnahme liegen, es kommen keine, und so drücke ich die Uhr ca. 3 Minuten nach dem Startschuss. Quer durch Biel geht es einem Städtemarathon gleich in Zehner-Reihen nebeneinander und mit einem 6:00er Schnitt in die Nacht. Die Strassenkaffees und Kneipen sind voll - Volksfest. Zwischen die "Heja"- und "HoppHopp"-Rufe der Zuschauer ruft Thomas ein "Wie weit ist es noch?" zurück, gefolgt von "Ich kann nicht mehr" und "Ich muss mal pipi..". :-)

Es ist warm. Für meinen Geschmack stehen die Verpflegungsstände etwas zu weit auseinander und ich habe keinen Getränkegurt, aber in 2h eine Wasserträgerin. Raus aus Biel, vorbei am Dorf Jens. Es ist Dunkel. Im Schein der Stirnlampe sieht man wie staubig und trocken die Feldwege hier sind und die wenigen Überholvorgänge zeigen, dass das Feld nun sortiert ist. Keine Sprints, gleichmäßige Fortbewegung. Es sind noch 85km! Thomas füttert Claudia regelmäßig mit diesen neuen Chips - muss ich auch mal ausprobieren. Heute vetraue ich auf das gewohnt vielfältige Essensangebot der Schweizer Laufveranstalter: Riegel, Brot, Bouillon und vielleicht mal ein Gel (brrrr).


Hunderte von Radbegleitern fahren 21:40 Uhr im Pulk voraus.

Radbegleitungen in der Nacht
Lyss (KM 22,5) bei Nacht: Warten auf die Läufer.

In Aarberg geht's richtig rund. Die Brücke von Aarberg ist die Schweizer Antwort auf die vom Boston-Marathon bekannte "Screaming Mile". Auf dieser Überdachten und beleuchteten Brücke geben die Zuschauer nochmal alles, was die Schallphysik erlaubt. Mir platzen fast die Ohren und meine Finger werfen sich schützend in die Gehörgänge. Danach Stille und Sternenhimmel.

Gegen viertel nach Mitternach die Hochzeit: Bei KM 22.5 in Lyss bilden die Begleitfahrräder ein Spalier und tatsächlich steht Julia wie verabredet auf der rechten Strassenseite. Sie hechtet hinterher und hat arg zu kämpfen denn es geht gleich bergan, und zwar richtig! Ich biete kurz an schieben zu helfen, aber sie hat auch ihren Stolz. ;-) Es geht gut, immer noch ein 6:00er Schnitt.

Bis KM 38 treffe ich immer mal Thomas und Claudia, bis KM50 mal den Ryan, doch die Trink- und Pinkelrythmen sind sehr unterschiedlich und wir verlieren uns aus den Augen. Die Stimmungen sind sehr gegensätzlich: Während in den Dörfern und Städtchen bis tief in die Nacht hinein lautstark gefeiert und angefeuert wird, ist es dazwischen - "über Land" - wortkarg und still auf der Strecke.

02:00 Uhr Samstag Morgen. In der Sonderausgabe des Bieler Tageblattes stand in einem Laufbericht:

"Die Halbwahnsinnigen sind noch auf - die ganz Wahnsinnigen laufen."

Wieder nur Staub im Schein der Stirnlampe. Die Beine sind bestimmt total dreckig aber duschen möchte ich nur wegen der Temperaturen. Die Nacht ist warm und sternenklar. Endlose Ketten von Fahrradrücklichtern schlängeln sich über die Hügelketten und Felder - ein schöner Anblick.

Dann bei Kirchberg (KM 55) ein echtes Highlight: Der Emmendamm, oder besser bekannt als "Ho-Chi-Minh"-Pfad. Ein Stück Waldweg, ca. 10km lang, das respektiert, gefürchtet oder als "halb so schlimm" gehandelt wird, je nachdem *wen* man fragt. In jedem Fall dürfen die Fahrrad-Coaches dort nicht durch sondern müssen eine Umgehungsstrecke nehmen. Es ist zwanzig vor vier, und so richtig frisch sind weder Julia noch ich. Die Stoppuhr zeigt 5:37 (plus 3 Minuten zu spät gedrückt) also habe ich etwas Zeit "liegen lassen". Unvoreingenommen biege ich in den Pfad ein.

Ohne zu übertreiben: Ich habe 10km lang nichts gesehen! Mir ist schleierhaft, wie man hier überhaupt ohne Lampe durchlaufen kann. Im Blindflug über Stock und Stein, ein Waldweg - nein ein Waldtunnel, obenherum von Bäumen zugewachsen mit Wurzeln und allem was dazu gehört. Alleine komme ich nicht so richtig vorwärts, also hänge ich mich an einen recht zügigen Läufer dran (wobei ich mich jetzt frage, wo kommt der jetzt erst her bei dem Tempo?). Hinterherfliegen und keine Fragen stellen. Nach ca. 2/3 kommt auch prompt die Quittung: Ich trete ins Leere und verdrehe das Knie. Schrecksekunden, Gymnastik, Taubheitsgefühl und nach ca. 2-3km ist der Schmerz wieder weg. Puh!

Der "Ho-Chi-Minh" Pfad endet bei KM 65 kurz vor Gerlafingen. Dort wartet Julia sichtlich gut gelaunt:

Die Läufer kamen aus einem Waldstück gelaufen und mit ihren Stirnlampen an Kopf, Arm oder in der Hand sahen sie aus wie die Zwerge, die von der Arbeit nach Hause kamen - hatten wir Fahrradbegleiter einen Spaß.

Sonnenaufgang. Noch 35km. Ich bin froh, dass ich jemanden zum unterhalten habe, ohne mit ihm reden zu müssen. Das Kreuz tut weh, ich muss mal wieder öfters schwimmen gehen. Die letzten Stunden ziehen sich hin, und die Schilder 75km, 80km und 85km stehen immer ein bisschen zu weit weg.

Mittendrin überholt jemand derart "frisch", dass ich ihn schon anflehe: "Sag jetzt bitte, dass du ein Stafettenläufer bist!", also jemand, der die 100km im 4er-Team läuft - jedes einzelne Team-Mitglied jeweils eine Teilstrecke. Er lächelt, nickt und zieht davon. Meine Welt ist wieder in Ordnung. :)

Irgendwann bei KM 80 (?) kommt nochmal ein kräftiger Anstieg, über den ich daheim lachen würde, aber nach 8h sind die Kräfte dahin. Bergab ist es noch schlimmer. Zwischendurch lasse ich mir die Tachoanzeige an Julias Fahrrad vorlesen, denn so langsam schwindet mein Tempogefühl. 9km/h, 10km/h, 11km/h je nach Profil. Das Anrollen nach den Verpflegungsständen läuft auch nicht mehr sooo rund.

Weiter entlang am Nidau-Büren Kanal, durch Wiesen, mitten durch eine Gärtnerei, alles sehr schön und schon wieder recht heiss. Sonnenschein. Zwischen KM 80 und KM 90 hänge ich mich an eine Läuferin. Wir wecheln uns in der "Führungsarbeit" ab, reden kein Wort, müssen wir aber auch nicht. Das Klingt etwas nach Trance, später im Ziel erinnern wir uns jedoch noch an eine Menge Details.

noch 1km
Mein Lieblingsschild.


Die letzten Meter, Samstag kurz nach 08:00 Uhr.

Ein Läufer liegt am Wegesrand im Gras, es geht ihm gut aber er will nicht weiter. Wir zählen jetzt die letzten Schilder runter - die "KM 99"-Markierung wird mein Lieblingsmotiv. :-) - und dann reichts auch.

Kurz nach 8:00 Uhr morgens erreichen wir gemeinsam die Ziellinie am Eisstadion in Biel, von wo aus wir 10 Stunden und 13 Minuten zuvor gestartet waren. Viele Getränkebecher, Riegel, Gels und Eindrücke haben wir unterwegs mitgenommen. Julia hat 94,5km auf dem Fahrradtacho (Abkürzung nach Lyss), ist müde, erschöpft und unentschlossen ob sie froh oder fertig sein soll.


Hab' auch schon mal frischer ausgesehen ;-)


Julia, nach 94,5km Rad-Coaching.

Die "Nacht der Nächte" hat jedenfalls viel Spass, neue Erkenntnisse und Selbstvertrauen gebracht. Ich ziehe die Schuhe aus und gehe erstmal Barfuss über den Rasen...

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TorTour de Ruhr - längstern Nonstoplauf Deutschlands.

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